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Das Tote-Pferd-Prinzip: Wie falsches Durchhalten Veränderung verhindert

„Wenn Du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab“, lautet eine alte Weisheit der Dakota-Indianer. Alles klar, sollte man meinen, das gebietet schon der Tierschutz, erst Recht aber die Vernunft. Hätte sich da nicht hartnäckig in unserem Kopf die Überzeugung festgesetzt, dass Durchhalten eine vornehme Tugend ist. Folglich mangelt es uns auch nicht an Ideen dafür, wie wir den Reiter weiter im Sattel halten:

  • Wir sagen: „So haben wir das Pferd schon immer geritten.“
  • Wir ändern die Kriterien, die besagen, dass ein Pferd tot ist.
  • Wir bilden eine Task-Force, um das tote Pferd wiederzubeleben.
  • Wir ordnen Überstunden für Reiter und Pferd an.
  • Wir stellen dem Reiter eine Beförderung in Aussicht.
  • Wir verdoppeln die Futterration für das tote Pferd.

Durchhalten um des Durchhaltens willen

Das ist amüsant, gewiss, doch leider ebenso wenig zielführend wie die folgenden Beispiele aus dem wahren Leben zeigen:

  • Führungskräfte, die laufend neue Task-Forces ins Leben rufen, um Projekte irgendwie voranzubringen
  • Steuerkreise, die einem Debattierclub oder einem Tribunal gleichen und in weiser Voraussicht nur mit Grün „gefüttert“ werden, egal wie es um die Projekte steht
  • Ressourcen, um die laufend gerangelt wird, da sie entweder in ungeplanten Rekursionen verschwinden oder von vorne herein für die Anzahl der Projekte nicht ausreichen
  • Projektmitarbeiter, die sich von einem Wochenende zum nächsten quälen, weil ihr Job nicht zu ihren Stärken passt
  • Teamplayer, die dauernd für Kollegen und Kunden ansprechbar sind und dadurch den Fokus auf ihre eigenen Aufgaben verlieren

Ich bin sicher, Sie können diese Aufzählung ohne Weiteres mit Beispielen aus Ihrer eigenen Erfahrung fortsetzen. Damit zu leben, ist Durchhalten um des Durchhaltens willen – ist Weiterreiten, obwohl das Pferd bereits tot ist, ergo Stillstand. Machen Sie sich die Denkart dahinter bewusst: Nicht das zu erreichende Ziel steht im Mittelpunkt der Anstrengungen, sondern das Vermeiden von überfälligen Veränderungen. Das mag sich bisweilen anfühlen wie das Herausholen der letzten Reserven auf der Zielgeraden und folglich das Durchhalten rechtfertigen. Doch die Wahrnehmung trügt: Es ist lediglich die Gerade vor der nächsten Runde in der Endlosschleife.

Das Motiv dahinter ist entscheidend

Was können Sie tun? Werden Sie sich klar über das Motiv hinter dem Durchhalten, denn das ist der entscheidende Ansatzpunkt. Diese drei einfachen Schritte helfen Ihnen dabei:

  1. Erkenntnis: Machen Sie sich klar, wo Sie durchhalten (lassen), obwohl Veränderungen angesagt sind. Vielen Führungskräften sind diese Bereiche bewusst und sie können sie sofort benennen. Es fehlt also nicht am Wissen.
  2. Motiv: Fragen Sie sich, was Sie zu dieser Form des Durchhaltens treibt. Ist es Bequemlichkeit, Gewohnheit, Illusion, Gefallenwollen, Resignation, Abstumpfung oder Angst? Die Motivik dahinter ist entscheidend, denn sie verrät Ihnen, wo Sie anpacken müssen, um in die Bewegung zu kommen. Dabei geht es um das emotionale Verständnis dessen, was Sie zurückhält. Denn die Hürden liegen nicht im Rationalen.
  3. Handlung: Ist die Motivik klar, liegt der dritte Schritt nahe: Fangen Sie an, unangebrachtes Durchhalten zu stoppen.

Erfolgreiche und agile Unternehmen Unternehmen lassen es übrigens gar nicht erst soweit kommen. Sie haben die Abneigung gegenüber „toten Pferden“ tief in ihrer Unternehmenskultur verankert. Durchhalten um jeden Preis ist für sie keine Option, sondern sofortiges Reagieren auf erkannte Missstände, längst bevor sich diese verselbständigt und als Gewohnheit manifestiert haben. Das heißt, bereits dann abzusteigen, wenn das Pferd anfängt, müde zu werden und nicht mehr rund läuft. Denn Durchhalten ist nur auf der Zielgeraden eine Tugend.

Mehr zum Vermeiden von falschem Durchhalten in der Unternehmens-Praxis finden Sie in meinem Buch.