© Bild: Dr. Dieter Lederer

Die Gängelrepublik: Wenn die eigene Gedankenblase zur Messlatte für andere wird

Werbeverbot, so heißt die neue Devise im Saarland, geltend für Aktionsware jenseits des täglichen Bedarfs von Händlern, die in der Corona-Pandemie weiter öffnen dürfen. Das Ziel der bußgeldbewehrten Regelung, ersonnen von der eifrigen SPD-Wirtschaftsministerin und stellvertretenden Ministerpräsidentin Anke Rehlinger: Kontaktvermeidung, angeblich. Wenn Sie sich jetzt verwundert die Augen reiben, sind Sie in guter Gesellschaft.

Für Kunden, die sich im Internet informieren spielt es kaum eine Rolle, was im Briefkasten landet oder an der Litfaßsäule klebt – oder ist demnächst ein „Saarnet“ zu erwarten? Schnäppchenjäger könnten sich mangels Info auf dem Werbezettel veranlasst sehen, direkt im Laden nach spannenden Angeboten Ausschau zu halten – ist das Kontaktvermeidung? Zudem fehlen Daten oder Simulationen ganz und gar, die die Annahme untermauern, dass das Verbot zur erhofften Wirkung führt.

Gängelei ist en vogue

Es scheint, dass die Ministerin ihren Vorschlag wenig durchdacht, dafür aber mit Schmackes in die Tat umgesetzt hat. Immerhin ist sie mit der davon ausgehenden Irritation nicht alleine. Ihr Politik-Kollege Anton Hofreiter von den Grünen befindet lässig für die ganze Nation darüber, welche Eigenheime zukünftig noch opportun sind. Einfamilienhäuser gehören nach seiner Vorstellung nicht dazu. Sie brauchen zuviel Fläche, Energie, Baustoffe, führen zu Zersiedelung und mehr Verkehr. Da scheint zumindest der gedankliche Weg zum gesetzlichen Verbot nicht weit. Wie gut durchdacht ist dieser Vorschlag? Welchen Konsens, welche gesellschaftliche Akzeptanz und welche Mehrheit gäbe es dafür?

Noch ein Beispiel gefällig? Es kommt aus Bayern: Wie bekannt, hat dort der forsche, christsoziale Herr Söder FFP2-Masken für den Einkauf und für öffentliche Verkehrsmittel verordnet. Den Bürgern bleibt nichts anderes übrig als Folge zu leisten, um der verständlichen Hoffnung ihres Landesvaters zu entsprechen: Verhindern von Infektionen durch Eigenschutz. Dass Experten den Masken diesen Effekt nur dann zubilligen, wenn sie komplett dicht anliegen, und vor der Illusion falscher Sicherheit bei ungeeigneter Handhabung warnen, scheint nicht zu interessieren. FFP2 und basta! Wie weit reicht hier das Durchdenken?

Vom Rückenmark direkt in die Welt

Drei Beispiele, dreimal derselbe Effekt: Die eigene, persönliche Überzeugung wird zur Allgemeingültigkeit erhoben und schnurstracks anderen übergestülpt, zudem – die nächste fragliche Überzeugung lässt grüßen – ja nur aus bester Absicht und zum Wohl der Mitmenschen. Ein längeres Bedenken, Abwägen und Prüfen, vielleicht ein kritischer Diskurs, erübrigen sich offenbar. Was so vehement aus dem Rückenmark kommt, muss ungefiltert hinaus in die Welt. Das individuelle Sendungsbewusstsein überstrahlt alles. Willkommen in der Gängelrepublik.

Dabei wäre es sehr nützlich, die eigenen Gedankenblasen auf ihre Entstehung und Validität hin zu hinterfragen. Gemeinhin spiegeln sich darin unsere Lebenserfahrungen wider und wirken wie ein Filter für unsere Wahrnehmung und Beurteilung. Die Polizei kann ein Lied davon singen, laufen Zeugenaussagen doch häufig diametral auseinander. Es gibt eben keine objektive Wahrheit, sondern nur subjektiv konstruierte Wahrnehmung. Wer sich mit Konstruktivismus auseinandergesetzt hat, kennt das.

Unsere Werte und damit zusammenhängenden Glaubenssätze bestimmen jenen Wahrnehmungsfilter massiv, weshalb es gut zu wissen ist, dass besonders stark ausgeprägte Wertvorstellungen zumeist aus frühen Lebensphasen stammen. In diesen blieb uns nichts anderes übrigblieb, als günstige „Überlebensstrategien“ für das Umfeld zu entwickeln, mit dem wir auskommen mussten – Familie, Kindergarten, Schule, Freunde.

Unwillkürlich getrieben oder bewusst steuernd?

Die Psychologie nennt das Konditionierung, die weder objektiv noch allgemeingültig ist. Dennoch geht unser Unterbewusstsein alles andere als wählerisch damit um: Wer beispielsweise in jungen Jahren einen unbändigen Gerechtigkeitssinn entwickelt hat, weil er oder sie fortlaufend Ungerechtigkeit ausgesetzt war, wird sich oft selbst noch im Erwachsenenalter mit Eifer und Adrenalin gegen all das zur Wehr setzen, was auch nur entfernt den Anschein von Ungerechtigkeit hat. Dabei wären alternative Verhaltensweisen wie Hinterfragen, Klären, Verhandeln, Kompromiss schließen möglich, die dem Kind nicht zur Verfügung standen.

Konditionierungen sind eben gelernt, doch sie können „umgelernt“ werden. Wer anfängt, seine unwillkürlichen Verhaltensweisen wahrzunehmen und zu verstehen, was sie oder ihn in der jeweiligen Situation treibt, bekommt einen Fuß in die Tür zum eigenen Unbewussten. Dann besteht die Chance, vom unwillkürlich Getriebenen zum bewusst Steuernden zu werden. Denn bei aller Liebe und Nachsicht für das Unterbewusstsein: ihm unbeaufsichtigt das Steuer zu überlassen, ergo blind der eigenen Konditionierung zu folgen, ist keine zieldienliche Strategie.

Die Wirtschaft gängelt mit

Die obigen Beispiele könnten glauben machen, dass es Gängelei nur seitens der Politik gäbe. Doch das ist weit gefehlt. In der Wirtschaft ist sie genauso an der Tagesordnung, schließlich sind die Wirkmechanismen bei Menschen dieselben, unabhängig von ihrem Betätigungsfeld.

Da ist der Manager, der seinen Projektleitern nicht zutraut, mit einem realistischen Zeitplan zu arbeiten, da dieser nach seiner persönlichen Überzeugung auf jeden Fall überschritten wird. Dann besser einen unrealistisch kurzen Rahmen verordnen, damit Druck im Kessel bleibt und trotz Verzögerung hoffentlich ein akzeptabler Endtermin erreicht wird.

Oder der Geschäftsführer, der eine deutliche Performancesteigerung von seinen Mitarbeitern erwartet, die bereits überlastet sind, jedoch nicht willens und in der Lage ist, Aufträge abzulehnen, sondern kontinuierlich obendrauf packt.

Schließlich der Unternehmenseigner, der keine Gelegenheit auslässt, Werte wie Teamgeist und Zusammenhalt hochzuhalten, selbst jedoch cholerisch und mit Drohungen auf schlechte Nachrichten reagiert sowie als erster anfängt, die Schuldigen zu suchen.

Auch hier zeigt sich durchgängig derselbe Effekt: Die persönliche Überzeugung wird allgemeingültig und ohne weitere Reflexion verordnet.

Ab jetzt: Innehalten und Reflektieren

Die Liste der Gängeleien ließe sich lange fortsetzen. Es ist offensichtlich, dass darunter nicht nur Menschen und deren Motivation leiden, sondern auch die unternehmerische wie politische Performance. Änderung ist dann möglich, wenn die und der Einzelne beginnt, bei sich hinzusehen und bewusst umzusteuern.

Eine hilfreiche Akut-Intervention ist es, immer dann erst mal innezuhalten und zu reflektieren, wenn die eigenen Überzeugungen sich mit besonders viel Adrenalin und Kampfgeist die Bahn in die Welt brechen wollen. Vielleicht ist ja gerade mal wieder das Unterbewusstsein am Durchzünden, weil es die aktuelle Situation mit einer lange zurückliegenden verwechselt. Eines ist auf jeden Fall glasklar: Gängelei braucht kein Mensch.